Der historische Name «Linn»

Seit mehr als 700 Jahren gibt es das kleine Dorf Linn am Nordhang des Linnerbergs. Der Name nimmt Bezug auf ein Lindengehölz oder eine Linde.

Die erste urkundliche Erwähnung von «Linne» erfolgte im Jahr 1306 im Habsburger Urbar. Beim Ortsnamen handelt es sich um einen alemannischen Siedlungsnamen, der ursprünglich althochdeutsch wohl «lint-ahe» (beim Lindengehölz) lautete und sich später über «Linte», «Linde», «Linne» zur heutigen Form wandelte. Die älteste belegte Namensform ist «Linne», doch schon 1307 finden wir in einer Brugger Urkunde die Form «Lind».

Der Ortsname überdauerte 707 Jahre, also von 1306 bis 2013. Der Ortschaftsname «Linn» wurde trotz erbitterten Wiederstand der Linnerinnen und Linner, gegen ihren klaren Willen, durch die neue Gemeinde Bözberg aufgelöst und in einen Strassennamen umgewandelt. Selbst die regierungsrätliche Unterstützung brachte der Dorfbevölkerung - aber auch dem Kanton Aargau und der Schweiz - den geschichtsträchtigen Ortsnamen nicht zurück. Es ist die einziege Gemeindefusion im Kanton Aargau - wahrscheinlich auch in der ganzen Schweiz - wo die Änderung von Ortschaftsnamen in dieser Konsequenz angewendet wurde. Einzig bei der Fusion der ehemaligen Gemeinden Oberehrendingen und Unterehrendingen zu Ehrendingen, wurden auch die Ortschaftsnamen auf Eherendingen abgeändert. Die beiden Ortschaften waren aber schon vor der Fusion beinahe zusammengewachsen und der Ortschaftsnamenwechsel wurde von der betroffen Bevölkerung akzeptiert.

Das Dorf Linn ist ein Teil der neuen Gemeinde Bözberg geworden und trägt nun auch den Ortschaftsnamen «Bözberg», wie die drei anderen Dörfer in der Fusionsgemeinde. Die neue Gemeinde Bözberg entstand per 1.1.2013 durch Fusion der ehemaligen Gemeinden Gallenkirch, Linn, Oberbözberg und Unterbözberg.
Verloren gegangen sind zudem auch die historisch gewachsenen Strassenbezeichnungen im Dorf Linn wie die «Dorfstrasse», «Sagenmülistrasse» und die «Schulstrasse». Diese wurden alle umbenannt und vereinheitlicht auf «Linn» als Strassenname.

Urkundliche Belege

 

Habsburger Urbar

Das Habsburger Urbar (1303-1307) mit der ersten urkundliche Erwähnung von Linn, Aargau 1306. Das Habsburger Urbar (auch Habsburgisches Urbar) ist ein deutschsprachiges Verzeichnis (Urbar) sämtlicher Rechtstitel, welche die Habsburger anfangs des 14. Jahrhunderts in ihren Vorlanden (Vorderösterreich, Elsass und Schweiz) für sich in Anspruch nahmen.

 

 


Wissenschaftliche Betrachtungen zum Ortsnamen Linn von Beat Zehnder aus «Die Gemeindenamen des Kantons Aargau»:

Kommentar

Die «Bergemeinde»6 Linn liegt am Rande des Bözberg-Plateaus im Schutze einer Berglehne (Linnerberg). Im Osten der Siedlung lebt der Flurname Lindenacher.
Allen Unkenrufen zum Trotz und der stattlichen, gut 800 Jahre alten Linner Linde, dem Wahrzeichen der Gemeinde, zur Ehre stelle ich unseren Ortsnamen halt doch zum Baumnamen Linde. Man mag nun einwenden, dass das althochdeutsch Suffix -ahi doch nicht so spurlos verschwinden könne und zum Beweis etwa Aschi oder Lieli ins Feld führen.
Es gibt aber für unsere Gegend genügend Hinweise auf den frühen Verlust des (offensichtlich schon bald nicht mehr verständlichen) Suffixes. Ich erinnere nur an (Dürren)äsch (annum 924 Askee, annum 1400 (Tirrren)esch oder, um einen ferneren Ort zu nennen, an Liel (Bez. Lörrach; annum 952 Lielah7). Auch die Namenbelege für Lieli AG (Gd. Oberwil) zeigen schon früh abgeschwächtes -ahi-Suffix: annum 1040 in Liele; annum um 1150 Liele. Und für unseren Ortsnamen fehlen ältere Belege aus der Zeit vor 1300 leider. Es ist allerdings durchaus denkbar, dass im Ortsnamen Linn der Baumname ohne Suffix (vgl. oben) vorliegt.
Die Lage der Siedlung am Rand einer geneigten Fläche und im Schutze des Linnerbergs lässt auch an das Appellativ schwzdt. Lienen 8, mda. lëne9 f. 'Lehne, Geländer' denken. Das Substantiv althochdeutsch lina (urverwandt mit griech. η κλίνη 'Lager, Polster'), mdh. lëne, line stf. 'Lehne' gehört zum Verb althochdeutsch (h)linen, mittelhochdeutsch lënen (Nbf. linen) swv. 'sich (an)lehnen, liegen, sich stützen'. Die mundartliche Aussprache des Ortsnamens mit deutlich kurzem -i- macht diesen Deutungsansatz jedoch eher unwahrscheinlich.
Mit Rücksicht auf die Mundartlautung wage ich auch nicht, unseren Ortsnamen zum Baumnamen schwzdt. Lien 10 'Spitzahorn, Lehne, Lenne' (acer platanoides) zu stellen, wie dies P. Oettli vorschlug.11 Der Baum, der durch seine spitzen Blätter auffällt, hiess althochdeutsch mittelhochdeutsch lim(boum), lin(boum), frühnhd. leinbaum m.
Das Gemeindewappen weist auf die heutige Riesenlinde hin, die nach der Sage durch den letzten Uberlebenden über dem Massengrab der Pesttoten zu deren Gedenken gepflanzt worden sein soll.

Deutung

Alemannischer sekundärer Siedlungsname zum Appellativ althochdeutsch linta stf., mittelhochdeutsch linde, linte stf., schwzdt. Linde(n)1 'Linde' (Baumname). An den Baumnamen fügte sich ursprünglich wohl das Kollektivsuffix althochdeutsch -ahi2 (< germ. *-ahja), das eine 'Menge von Dingen' bezeichnet, vor allem in Kombination mit Baum- und Pflanzennamen auftritt und so sogenannte Standortkollektiva von neutralem Geschlecht bildet. In Ortsnamen bedeutet das Suffix -ahi, dass die «Dinge», die das Grundwort der Namenfügung ausmachen, in auffälliger Anzahl vorkommen.
Grundform althochdeutsch (im neutr. Dat. Sg. Loc.) *(ze) lint-ahe 'beim Lindengehölz, Standort von Linden' oder (im Nom. Sg.) *lint-ahi 'Lindengehölz, Standort von Linden', bzw. (wenn von einer nominativischen Form auszugehen ist: mit früher Abschwächung der Suffixendung) *lint-ahe, bzw. (im Nom. und mit Umlaut im Suffix) *lint-ehi oder (mit sogenanntem Totalumlaut im Suffix3) *lint-ihi, bzw. *lint-ehe, bzw. (mit auffällig frühem intervokalischem h-Schwund) *lint-ee, mittelhochdeutsch (mit Apokope der Suffixendung) *Lint-e, bzw. (mit Lenisierung) *Lind-e, bzw. (mit Assimilation der Konsonantenverbindung -nd- > -nn-) Linn-e, bzw. (mit vorübergehend wieder rückgaängig gemachter Assimilation -nn- < -nd-4 und mit Apokope des unverständlich gewordenen Suffixrestes) Lind.
Möglich ist allerdings auch der Ansatz einer suffixlosen neutralen Kollektivbildung althochdeutsch lint n. 'Lindengehölz, Lindenbestand': Grundform althochdeutsch (im Dat. Sg. Loc.) *(ze) linte, mittelhochdeutsch (wie in den historischen Belegen) *Linde, Linne, Linn. Kollektivierung ohne suffixale Kennzeichnung durch Umsetzen ins Neutrum betrifft vor allem Baumnamen.5

Mundartlautung

Die Mundart kennt kurzes -i-: 'lin'.


1 vgl. Id. III 1319 f.
2 vgl. A. Bach, Deutsche Namenkunde, Ortsnamen § 193 ff., S. 160 ff.
3 vgl. SI. Sonderegger, Die Orts- und Flurnamen des Landes Appenzell, S. 466
4 vgl. SI. Sonderegger, a. a. 0 ., S. 435
5 vgl. SI. Sonderegger, a. a. 0., S. 561 ff.
6 vgl. eh. Tschopp, Der Aargau, S. 451
7 vgl. A. Bach, a. a. 0., ON § 194, S. 161
8 vgl. Id. III 1286
9 vgl. J. Hunziker, Aargauer Wörterbuch, S. 164
10 vgl. Id. III 1285
11 vgl. P. Oettli, Deutschschweizerische Ortsnamen, S. 75


Quelle:
Die Gemeindenamen des Kantons Aargau
Beat Zehnder
Verlag Sauerländer

 

Verlust des Ortschafts-Namens «Linn»

Der 27. November 2013, ein trauriger Tag für Linn. An einer unschönen Gemeindeversammlung der Einwohnergemeinde Bözberg, wird der Erhalt des Ortschaftsnamen «Linn» abgelehnt. Die Linner Fahne weht anschliessend Wochenlang auf Halbmast.

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Das Habsburger Urbar im Vergleich mit dem Bundesbrief

Diskussion von Linn, Aargau auf Facebook zum Habsbuger Urbar.

Das kantonale Recht zu Ortschaftsnamen

Das Gesetz über die Geoinformation im Kanton Aargau (Kantonales Geoinformationsgesetz, KGeoIG).

Auszug aus dem KGeoIG zu den geografischen Namen.

Was sagt das Landesrecht zu den Ortschaftsnamen

Verordnung über die geografischen Namen (GeoNV).

Auszug aus den Grundsätzen der allgemeinen Bestimmungen der GeoNV.

Auszug aus den Grundsätzen zu den Ortschaften der GeoNV.